Kapitel III.4. Open Access

Neben der Schwierigkeit, in dem im Internet vorhandenen Meer an Informationen die Spreu vom Weizen zu trennen, kann die Online-Recherche noch aus einem anderen Grund schnell an ihre Grenzen stoßen: Urheberrechtlich geschützte Werke sind in den seltensten Fällen frei zugänglich, neuere Veröffentlichungen von Fachverlagen und Artikel in Fachmagazinen sind in der Regel entweder gar nicht oder nur gegen Gebühr abrufbar. Einsehbar ist meist nur das Inhaltsverzeichnis oder der Abstract.

Die explodierenden Kosten für die Beschaffung von Fachliteratur bei den Hochschulen und die Vertragsgestaltung der Verlage, die eine Übertragung des ausschließlichen Nutzungsrechtes einer Arbeit vorschreiben, haben dazu geführt, dass sich gegen das Monopol der Fachverlage die von zahlreichen Wissenschaftlern unterstützte „Open-Access“-Bewegung formiert hat. Nicht zu Unrecht wird darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung unbeschränkt zugänglich gemacht werden sollten, zumal durch eine mangelnde Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse die Spitzenforschung behindert wird.[200] Um den Abbau der bestehenden Zugangsbeschränkungen zu Forschungsergebnissen zu beschleunigen, wurden die von zahlreichen Wissenschaftlern unterschriebenen Erklärungen von Budapest (Januar 2002), Bethesda (April 2003) und Berlin (Oktober 2003) veröffentlicht. Letztere wurde unter anderem von den größten Wissenschaftsorganisationen der Bundesrepublik unterstützt, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Hochschulrektorenkonferenz. Eine Publikation unter „Open Access“ sollte ihr zufolge zwei Bedingungen erfüllen: Zum einen müssen die Autoren den freien Zugang und die Weiterverbreitung der Arbeit, sofern der Urheber korrekt genannt wird, erlauben, zum anderen eine Kopie samt aller Begleitmaterialien auf einem frei zugänglichen Archivserver veröffentlichen.[201]

Bisher hat die Open-Access-Initiative in der deutschen Politik allerdings nicht den nötigen Widerhall gefunden. Selbst in Großbritannien und den USA konnte die von zahlreichen Parlamentariern vorgebrachte Forderung nach Geldern für den Betrieb von Publikationsservern sowie eine Verpflichtung der Forscher, ihre Arbeiten kostenlos und barrierefrei zugänglich zu machen, noch nicht in Gesetzesform gegossen werden.[202] Aber auch viele junge Wissenschaftler ziehen aus Karrieregründen eine Veröffentlichung in einem renommierten Fachmagazin dem Open-Access-Gedanken vor. Dabei lassen sie allerdings außer Acht, dass sich frei zugängliche Publikationen mittlerweile sogar größere Aufmerksamkeit in der jeweiligen „Scientific Community“ genießen. Laut einer Studie des Institute of Cognitive Sciences der Université du Québec, die 10 verschiedene Disziplinen betrachtet, liegt der Anteil der freien Veröffentlichungen je nach Fach bei 5-16%, die Zitierhäufigkeit dieser Arbeiten hingegen um 36-172% höher als bei Publikationen, die nur gegen Bezahlung erhältlich sind, wobei andere Studien zu noch höheren Zahlen gelangen.[203] Es fehlt den Wissenschaftlern trotz der Appelle seitens der Forschungsgesellschaften der Anreiz, da frei zugängliche Arbeiten der Gemeinschaft zwar nützen, aber für den Einzelnen mit dem Verzicht auf das Prestige einer Fachzeitschrift verbunden sind. Da sich nicht alle Wissenschaftler am Open-Access-Prinzip beteiligen, befinden sie sich in einer Art Gefangenendilemma. Solange viele Wissenschaftler bereit sind, die Verwertungsrechte an einer Arbeit unbefristet an einen Fachverlag zu übertragen, bleibt den Bibliotheken mangels Alternativen nichts anderes übrig, als den Preis, den die Fachverlage ansetzen, zu bezahlen oder aber auf die Anschaffung zu verzichten. Während die Verlage hohe Gewinne erzielen, trägt die Gesellschaft auf diese Weise die Kosten.[204]

Bis also ein Großteil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen ohne Einschränkung zugänglich ist, ist noch ein langer Weg zu gehen. Anfänge sind jedoch bereits gemacht. Der Aufbau von freien Publikationsservern wurde bereits erwähnt. Das „Directory of Open Access Journals“ (DOAJ, http://www.doaj.orghttp://www.doaj.org (in einem neuen Fenster)) bietet eine Übersicht über frei zugängliche Fachzeitschriften. Daneben ist die „Elektronische Zeitschriftenbibliothek“ (EZB) der Universität Regensburg (http://rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/http://rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/ (in einem neuen Fenster)) zu nennen. Da ihr Bestand von den Fachverlagen lizenziert ist, sind nicht alle Beiträge kostenlos im Volltext abrufbar. Einige Zeitschriften stehen nur bestimmten teilnehmenden Bibliotheken und Forschungseinrichtungen zur Verfügung, bei anderen sind hingegen nur die Inhaltsverzeichnisse oder Abstracts kostenlos zugänglich. Trotz dieser vielversprechenden Ansätze ist das Internet zum jetzigen Zeitpunkt lediglich eine ergänzende Ressource bei der wissenschaftlichen Informationsbeschaffung. Der Gang in die Bibliothek und die Arbeit mit gedruckten Werken sind für den Historiker nach wie vor unerlässlich.[205]



[200] Vgl. Richard Sietmann, „Über die Ketten der Wissensgesellschaft. Der Kulturkampf über den Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen verschärft sich“, in: c't, Nr. 12/2006, S. 191, online unter: http://www.heise.de/ct/06/12/190/default.shtmlhttp://www.heise.de/ct/06/12/190/default.shtml (in einem neuen Fenster), Abruf: 18.10.2006.

[201] Vgl. „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“, 22.10.2003, online unter: http://www.zim.mpg.de/openaccess-berlin/BerlinDeclaration_dt.pdfhttp://www.zim.mpg.de/openaccess-berlin/BerlinDeclaration_dt.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 06.08.2006.

[202] Vgl. Sietmann 2006, S. 196.

[203] Vgl. Chawki Hajjem/Stevan Harnad/Yves Gingras, „Ten-Year Cross-Disciplinary Comparison of the Growth of Open Access and How it Increases Research Citation Impact“, in: IEEE Data Engineering Bulletin, Bd. 28 (2005), Nr. 4, online unter: http://eprints.ecs.soton.ac.uk/12906/01/rev1IEEE.pdfhttp://eprints.ecs.soton.ac.uk/12906/01/rev1IEEE.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 06.08.2006.

[204] Vgl. Oliver Passek, „Open Access. Freie Erkenntnis für freie Wissenschaft“, in: Kai Lehmann/Michael Schetsche (Hg.), Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens, Bielefeld 2005, S. 339.

[205] Vgl. Müller 2003, S. 99.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier