III.3.4.2. Wikipedia-Artikel zur Geschichte

In einem 2006 im „Journal of American History“ erschienenen Aufsatz verglich Roy Rosenzweig die englischsprachige Wikipedia mit der „American National Biography Online“ und der „Encarta“ von Microsoft anhand von Artikeln zu historischen Persönlichkeiten. Während er in 4 von 25 Wikipedia-Artikeln eindeutige sachliche Fehler, die meisten davon allerdings nicht schwerwiegend, entdeckte, war in der American National Biography nur 1 Artikel offensichtlich fehlerbehaftet. Bei der Encarta enthielten 3 von 10 Artikel Fehler.[188] Die geringere Anzahl der getesteten Encarta-Artikel hängt damit zusammen, dass sich die Encarta eher an Themen allgemeinen Interesses orientiert. Von 52 in der American National Biography genannten Personen, die stichprobenartig ausgewählt wurden, waren in Wikipedia die Hälfte, in der Microsoft-Enzyklopädie allerdings nur ein Fünftel zu finden. Die Artikel der American National Biography waren darüber hinaus die detailliertesten und etwa viermal so lang wie die entsprechenden Wikipedia-Artikel. Die Länge der Encarta-Artikel betrug hingegen nur ein Viertel der Wikipedia-Artikel.[189]

Wikipedia ist nach dieser Studie ähnlich korrekt, aber umfangreicher als die Encarta. Die American National Biography übertrifft Wikipedia allerdings in qualitativer und quantitativer Hinsicht. Ähnlich den Expertenmeinungen in der Nature-Untersuchung beklagt auch Rosenzweig die im Vergleich zur American National Biography schlechtere Schreibweise der Wikipedia-Artikel. Professionelle Autoren verstünden es besser, den Kontextbezug herzustellen, Zitate einzubauen und sich in wenigen Worten exakt auszudrücken. Dagegen fielen die Wikipedia-Artikel durch einige triviale, überflüssige Aussagen auf. Außerdem genügen die angegebenen Quellen und Literaturhinweise nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen.[190] Die überprüften Wikipedia-Artikel wirken in der Struktur oft zusammengesteckt, was wohl an der Entstehungsweise der Artikel liegt. Mehrere Autoren bringen jeweils nur einige Sätze oder Absätze ein, ein konsistenter Stil wird damit erschwert.[191] Rosenzweig stellt fest, dass die Schwäche von Wikipedia nicht in einer Vernachlässigung der Fakten liegt, sondern diese im Gegenteil zu sehr in den Mittelpunkt gestellt und in Listen und Kategorien gepresst werden. Aufgrund der starken Faktenorientierung und des anekdotischen Stils folgen die Wikipedia-Artikel eher populärwissenschaftlichen denn akademischen Standards.[192]



[188] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 129.

[189] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 127.

[190] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 130.

[191] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 132.

[192] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 142.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier